Porträt
„ENDSTATION. Menschen im Pflegeheim. Berta Jainz in ihrem Zimmer“
Da hängt man nicht am Leben
Berta Jainz sitzt dort, wo ich sie schon oft habe sitzen sehen – gleich hinter der steilen Treppe zum ersten Stock, in der Ecke am Speiseaufzug. Sie sieht mitgenommen aus, blass, das Gesicht eingefallen. Eine Magen-Darm-Geschichte hatte ihr, wie vielen hier, in den vergangenen Tagen zu schaffen gemacht. So gibt es zum Mittag Milchreis mit Zucker und Zimt, Bertas Sache ist das nicht. Sie isst lieber, was den Frauen unten im Liegezimmer eingelöffelt wird, Rührei mit Kartoffelbrei. Bertas, jüngere, Freundin mit der heiseren Stimme und der unübersehbaren Zahnlücke sitzt neben ihr. Die beiden halten sich von den anderen Heimbewohnern fern. Berta erzählt mir, die meisten hier hätten ja einen kleinen Tick unterm Pony, da müsse man sich einfach zurückziehen. „Manche drehen einem das Wort im Mund herum. Es ist schon traurig, unter solchen Leuten leben zu müssen. Ich hab’ ja meinen Grips zum Glück noch einigermaßen beisammen.“
Berta Jainz, 1903 geboren in einem Oberlausitzer Dorf, wurde im Alter von 22 Jahren zum ersten Mal von einem epileptischen Anfall zu Boden geworfen. Das wiederholte sich, jedes Jahr, immer aus heiterem Himmel. Mit 26 heiratete Berta. „Das hielt nur ein Jahr, die Schwestern meines Mannes waren gegen mich. Ich brachte wohl nicht genug mit in die Ehe. Wir waren doch zehn Geschwister ...“ Enttäuscht verließ Berta das Dorf und verdingte sich als Haushaltshilfe in Thüringen. Im November 1930, kurz vor ihrem 28. Geburtstag, wurde Berta Jainz wegen der epileptischen Anfälle in die Landesanstalt Potsdam eingewiesen. 24 Jahre verbrachte sie in Görden am Rande der Havelstadt Brandenburg, überstand dort den Krieg, von dem sie nur die Bombenflugzeuge wahrnahm.
„Die dröhnten da über den Wald. Angst spürte ich nicht. In so einem Heim leben zu müssen, da hängt man nicht am Leben.“
Aus Heimen ist Berta Jainz seit 1930 nicht mehr heraus gekommen.
27 Jahre hat sie nun schon ihr Bett im Pflegeheim auf dem Pfingstberg. Löst Kreuzworträtsel, „damit der Kopf nicht ganz vertrocknet“, freut sich auf den Frühling. „Wenn’s schön ist, gehen wir raus, wir haben da im Garten unsere Ecke.“
Berta, die der Zeit im Pflegeheim nachtrauert, da noch ein Mal im Monat zum Tänzchen aufgespielt wurde, führt mich in ihr schmales Zimmer und zeigt stolz auf einen gerahmten Spruch an der Wand.
Ein bißchen mehr Frieden und weniger Streit
Ein bißchen mehr Freude und weniger Neid
Und viel mehr Blumen während des Lebens,
Denn auf den Gräbern sind sie vergebens.
Ulrich Joho (1991/92)
Berta Jainz sitzt dort, wo ich sie schon oft habe sitzen sehen – gleich hinter der steilen Treppe zum ersten Stock, in der Ecke am Speiseaufzug. Sie sieht mitgenommen aus, blass, das Gesicht eingefallen. Eine Magen-Darm-Geschichte hatte ihr, wie vielen hier, in den vergangenen Tagen zu schaffen gemacht. So gibt es zum Mittag Milchreis mit Zucker und Zimt, Bertas Sache ist das nicht. Sie isst lieber, was den Frauen unten im Liegezimmer eingelöffelt wird, Rührei mit Kartoffelbrei. Bertas, jüngere, Freundin mit der heiseren Stimme und der unübersehbaren Zahnlücke sitzt neben ihr. Die beiden halten sich von den anderen Heimbewohnern fern. Berta erzählt mir, die meisten hier hätten ja einen kleinen Tick unterm Pony, da müsse man sich einfach zurückziehen. „Manche drehen einem das Wort im Mund herum. Es ist schon traurig, unter solchen Leuten leben zu müssen. Ich hab’ ja meinen Grips zum Glück noch einigermaßen beisammen.“
Berta Jainz, 1903 geboren in einem Oberlausitzer Dorf, wurde im Alter von 22 Jahren zum ersten Mal von einem epileptischen Anfall zu Boden geworfen. Das wiederholte sich, jedes Jahr, immer aus heiterem Himmel. Mit 26 heiratete Berta. „Das hielt nur ein Jahr, die Schwestern meines Mannes waren gegen mich. Ich brachte wohl nicht genug mit in die Ehe. Wir waren doch zehn Geschwister ...“ Enttäuscht verließ Berta das Dorf und verdingte sich als Haushaltshilfe in Thüringen. Im November 1930, kurz vor ihrem 28. Geburtstag, wurde Berta Jainz wegen der epileptischen Anfälle in die Landesanstalt Potsdam eingewiesen. 24 Jahre verbrachte sie in Görden am Rande der Havelstadt Brandenburg, überstand dort den Krieg, von dem sie nur die Bombenflugzeuge wahrnahm.
„Die dröhnten da über den Wald. Angst spürte ich nicht. In so einem Heim leben zu müssen, da hängt man nicht am Leben.“
Aus Heimen ist Berta Jainz seit 1930 nicht mehr heraus gekommen.
27 Jahre hat sie nun schon ihr Bett im Pflegeheim auf dem Pfingstberg. Löst Kreuzworträtsel, „damit der Kopf nicht ganz vertrocknet“, freut sich auf den Frühling. „Wenn’s schön ist, gehen wir raus, wir haben da im Garten unsere Ecke.“
Berta, die der Zeit im Pflegeheim nachtrauert, da noch ein Mal im Monat zum Tänzchen aufgespielt wurde, führt mich in ihr schmales Zimmer und zeigt stolz auf einen gerahmten Spruch an der Wand.
Ein bißchen mehr Frieden und weniger Streit
Ein bißchen mehr Freude und weniger Neid
Und viel mehr Blumen während des Lebens,
Denn auf den Gräbern sind sie vergebens.
Ulrich Joho (1991/92)
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Kommentare zum Bild
Ulrich Joho
13.07.2014Hallo Dorothee,
ist die Märkische Allgemeine, vorher als Märkische Volksstimme Organ der Bezirksleitung Potsdam der SED. Foto entstand ja 1991 im Pflegeheim auf dem Potsdamer Pfingstberg. Berta (s. Text) war ja eine der wenigen mit klarem Kopf und genau das ist ja in dementer Umgebung wohl nicht besonders angenehm.
Herzliche Grüße - Ulrich