Kuridyll
Ich war warm geworden mit diesem "schönsten Kurort Deutschlands", mit Bad Kissingen, Bayern, Regierungsbezirk Unterfranken. Nach jährlich zwei bis drei Wochenendbesuchen bei meiner Mutter seit einigen Jahren. Ich genieße die alte Bäderarchitektur und verdränge langsam die schlimmen Betonbausünden der 70er Jahre. Es soll ja wieder aufwärts gehen mit den Besucherzahlen und den Übernachtungen, lese ich auf der Web-Seite der Stadt, durch die (nicht immer beschaulich) die Fränkische Saale fließt. Regentenbau, Kur- und Rosengarten, Arkadenbau, Luitpold-Spielcasino erinnern an die "guten alten Zeiten" des Kurbads. Mitte der 90er Jahre sorgte eine Gesundheitsreform für herben Schwund von Kurgästen und Arbeitsplätzen. Die Zeit, da Leo Tolstoi oder der Maler Adolph Menzel sich hier die Ehre gaben, ist ferne Vergangenheit und an die wellnesshungrigen Großbürgerlichen erinnern heute nur noch vereinzelt Damen in extrordinärem Outfit beim Wandeln durch den gepflegten Kurgarten. Die gut situierten Senioren geben sich heute schlicht - weiche Stoffe, dezente Muster, sandfarbene Blazer, hier nicht anders als in den Kaiserbädern an der Ostsee. Bei jedem Besuch entdecke ich neue leere Schaufenster. Teppiche zum Sonderpreis und doch keine Käufer. Es funkelt und glitzert an jeder Ecke. Und dann sitzt da ein trauriger russischer Akkordeonvirtuose. "Spiele jedes Lied." Mitten im Markttrubel des Wochenendes, der viele aus dem unterfränkischen Umland anzieht. Ich erlebte im Mai eine Kommunion. Nur auf der Empore war noch Platz. Ein Gospelchor sang mitreißend fröhlich. Und dann gab der Pfarrer den festlich gekleideten Mädchen und Jungen auf den Weg, sich außerhalb um eine Ausbildung zu sorgen, hier gebe es wohl keine Chance. Und wieder Besuche im "bekanntesten Kurort Deutschlands". Wohnen bei meiner Mutter, die ganz plötzlich vom Notarzt nach Schweinfurt ins "Leopoldina" gefahren wurde. Besuche vor der schweren Operation und danach. Das Verhältnis, auch zu Bad Kissingen, war intensiver geworden. Die täglichen Fahrten nach Schweinfurt öffneten den Blick für die liebliche Landschaft. Und dann war ja noch zum Fußballgroßereignis die Grabengasse zur "König-Otto-Gasse" umbenannt worden - vom italienischen Wirt der Fan-Kneipe mit den griechischen Kellnern. Treffpunkt auch von manch frisch verliebten Pärchen reiferen Jahrgangs. Händchenhalten, Rücken streicheln - Bad Kissingen, Kuridyll.Umzug meiner Mutter in ein Pflegeheim in unserer Nähe. Abschiedsbesuch also nach der Wohnungsauflösung am Kurgarten nach vier Jahren. Im Sommer hatte ich es noch geschafft, das alljährliche Rakoczy-Festival zu erleben. Ein etwas skurriles Kostümspektakel, bei dem sich Statisten in den Schwanstein-Ludwig, den Eisernen Kanzler und allerlei andere historische Persönlichkeiten verwandeln, in Kur- und Rosengarten flanieren, die Damen mit Reifröcken und sonnenbeschirmt – Fotografieren erwünscht.
Gut zwei Jahre konnte ich meine Mutter in der Seniorenresidenz Ferch besuchen, sie verstarb im Oktober 2010. Die Fahrten nach Bad Kissingen sind jetzt wohl endgültig Vergangenheit. In Erinnerung bleibt, was ich in dieser Sammlung zeige, „mein“ Bad Kissingen, erlebt in vielen Besuchen zwischen den Jahren 2004 und 2008. Die Abgabe einer CD in der Stadtverwaltung (Ausstellung?) blieb ohne jede Reaktion.
Ulrich Joho
Gelöschter Benutzer
08.07.2016
Ich war 2011 für 6 Wochen in Bad Kissingen zur Kur und haben die Zeit genossen. Ein wunderbarer Ort mit einer spannenden Geschichte, wo man über Bausünden hinwegschauen sollte . Ich war zuletzt im letzten Jahr für einen kurzen an zwei Tagen dort und auch da war ich sehr angetan.
Auffallend ist allerdings, dass der Prunk ein wenig täuscht. Viele Bürger von diesem Teil in Franken gehören nicht zu den Sonnenseitigen, weil sie zum Teil in relativ, armen Verhältnissen wohnen und insbesondere wohnten. Da ich Hobbyhistoriker bin, konnte ich auch gegen den Widerstand der Beamten, die damals vorhandene Möglichkeit nutzen die Standesamtsakten aus dem "Dritten Reich" anzusehen. Es gab eine erschreckend hohe Kindersterblichkeit, wegen Darmerkrankungen, Lungenentzündungen und anderen Armutserkrankungen etc. von Kindern in Bad Kissingen. Die war nach überschlägiger Schätzung mindestens 3 x so hoch, wie bei uns in Bocholt.
Bemerkenswert war auch, dass das Thema osteuropäische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen eher stiefmütterlich behandelt wurde. Ich hatte das Gefühl, dass ich einige neue Erkenntnisse dank der Standesamtsbücher zu der Geschichte beitragen konnte. Zumindest eine engagierte Mirtarbeiter des Archivs hat es mir gedankt. Den Eindruck hatte ich zumindest auch bei einer Verantstaltung des Heimatvereins, wo ich mich nicht geniert habe, die richtigen Fragen zu stellen und Antworten zu geben-.
Bemerkenswerterweise waren einige der sowjetischen Gefangenen in dem jüdischen Gebetshaus auf dem Judenfriedhof untergebracht. Dieser Friedhof ist ansonsten unbedingt ein Besuch wert.
Auch das ist Bad Kissingen und es war mir ein Bedürfnis dies hier los zu werden.
Ich habe mich aber von den trübenden Gedanken lösen können und habe den Ort, auch mit dem sehr guten Kurorchester in erster Linie mit allen Sinnen in mich aufgesogen. Wahrscheinlich war das das Rezept für eine gelungene Genesung.
LG Rolf
Kommentare zum Bild
Ulrich Joho
08.07.2016Kuridyll
Ich war warm geworden mit diesem "schönsten Kurort Deutschlands", mit Bad Kissingen, Bayern, Regierungsbezirk Unterfranken. Nach jährlich zwei bis drei Wochenendbesuchen bei meiner Mutter seit einigen Jahren. Ich genieße die alte Bäderarchitektur und verdränge langsam die schlimmen Betonbausünden der 70er Jahre. Es soll ja wieder aufwärts gehen mit den Besucherzahlen und den Übernachtungen, lese ich auf der Web-Seite der Stadt, durch die (nicht immer beschaulich) die Fränkische Saale fließt. Regentenbau, Kur- und Rosengarten, Arkadenbau, Luitpold-Spielcasino erinnern an die "guten alten Zeiten" des Kurbads. Mitte der 90er Jahre sorgte eine Gesundheitsreform für herben Schwund von Kurgästen und Arbeitsplätzen. Die Zeit, da Leo Tolstoi oder der Maler Adolph Menzel sich hier die Ehre gaben, ist ferne Vergangenheit und an die wellnesshungrigen Großbürgerlichen erinnern heute nur noch vereinzelt Damen in extrordinärem Outfit beim Wandeln durch den gepflegten Kurgarten. Die gut situierten Senioren geben sich heute schlicht - weiche Stoffe, dezente Muster, sandfarbene Blazer, hier nicht anders als in den Kaiserbädern an der Ostsee. Bei jedem Besuch entdecke ich neue leere Schaufenster. Teppiche zum Sonderpreis und doch keine Käufer. Es funkelt und glitzert an jeder Ecke. Und dann sitzt da ein trauriger russischer Akkordeonvirtuose. "Spiele jedes Lied." Mitten im Markttrubel des Wochenendes, der viele aus dem unterfränkischen Umland anzieht. Ich erlebte im Mai eine Kommunion. Nur auf der Empore war noch Platz. Ein Gospelchor sang mitreißend fröhlich. Und dann gab der Pfarrer den festlich gekleideten Mädchen und Jungen auf den Weg, sich außerhalb um eine Ausbildung zu sorgen, hier gebe es wohl keine Chance. Und wieder Besuche im "bekanntesten Kurort Deutschlands". Wohnen bei meiner Mutter, die ganz plötzlich vom Notarzt nach Schweinfurt ins "Leopoldina" gefahren wurde. Besuche vor der schweren Operation und danach. Das Verhältnis, auch zu Bad Kissingen, war intensiver geworden. Die täglichen Fahrten nach Schweinfurt öffneten den Blick für die liebliche Landschaft. Und dann war ja noch zum Fußballgroßereignis die Grabengasse zur "König-Otto-Gasse" umbenannt worden - vom italienischen Wirt der Fan-Kneipe mit den griechischen Kellnern. Treffpunkt auch von manch frisch verliebten Pärchen reiferen Jahrgangs. Händchenhalten, Rücken streicheln - Bad Kissingen, Kuridyll.Umzug meiner Mutter in ein Pflegeheim in unserer Nähe. Abschiedsbesuch also nach der Wohnungsauflösung am Kurgarten nach vier Jahren. Im Sommer hatte ich es noch geschafft, das alljährliche Rakoczy-Festival zu erleben. Ein etwas skurriles Kostümspektakel, bei dem sich Statisten in den Schwanstein-Ludwig, den Eisernen Kanzler und allerlei andere historische Persönlichkeiten verwandeln, in Kur- und Rosengarten flanieren, die Damen mit Reifröcken und sonnenbeschirmt – Fotografieren erwünscht.
Gut zwei Jahre konnte ich meine Mutter in der Seniorenresidenz Ferch besuchen, sie verstarb im Oktober 2010. Die Fahrten nach Bad Kissingen sind jetzt wohl endgültig Vergangenheit. In Erinnerung bleibt, was ich in dieser Sammlung zeige, „mein“ Bad Kissingen, erlebt in vielen Besuchen zwischen den Jahren 2004 und 2008. Die Abgabe einer CD in der Stadtverwaltung (Ausstellung?) blieb ohne jede Reaktion.
Ulrich Joho
Gelöschter Benutzer
08.07.2016Ich war 2011 für 6 Wochen in Bad Kissingen zur Kur und haben die Zeit genossen. Ein wunderbarer Ort mit einer spannenden Geschichte, wo man über Bausünden hinwegschauen sollte . Ich war zuletzt im letzten Jahr für einen kurzen an zwei Tagen dort und auch da war ich sehr angetan.
Auffallend ist allerdings, dass der Prunk ein wenig täuscht. Viele Bürger von diesem Teil in Franken gehören nicht zu den Sonnenseitigen, weil sie zum Teil in relativ, armen Verhältnissen wohnen und insbesondere wohnten. Da ich Hobbyhistoriker bin, konnte ich auch gegen den Widerstand der Beamten, die damals vorhandene Möglichkeit nutzen die Standesamtsakten aus dem "Dritten Reich" anzusehen. Es gab eine erschreckend hohe Kindersterblichkeit, wegen Darmerkrankungen, Lungenentzündungen und anderen Armutserkrankungen etc. von Kindern in Bad Kissingen. Die war nach überschlägiger Schätzung mindestens 3 x so hoch, wie bei uns in Bocholt.
Bemerkenswert war auch, dass das Thema osteuropäische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen eher stiefmütterlich behandelt wurde. Ich hatte das Gefühl, dass ich einige neue Erkenntnisse dank der Standesamtsbücher zu der Geschichte beitragen konnte. Zumindest eine engagierte Mirtarbeiter des Archivs hat es mir gedankt. Den Eindruck hatte ich zumindest auch bei einer Verantstaltung des Heimatvereins, wo ich mich nicht geniert habe, die richtigen Fragen zu stellen und Antworten zu geben-.
Bemerkenswerterweise waren einige der sowjetischen Gefangenen in dem jüdischen Gebetshaus auf dem Judenfriedhof untergebracht. Dieser Friedhof ist ansonsten unbedingt ein Besuch wert.
Auch das ist Bad Kissingen und es war mir ein Bedürfnis dies hier los zu werden.
Ich habe mich aber von den trübenden Gedanken lösen können und habe den Ort, auch mit dem sehr guten Kurorchester in erster Linie mit allen Sinnen in mich aufgesogen. Wahrscheinlich war das das Rezept für eine gelungene Genesung.
LG Rolf